5G
14.10.2019
Alexander Saul von Vodafone im Interview
1. Teil: „Unternehmen setzen auf eigene 5G-Netze“

Unternehmen setzen auf eigene 5G-Netze

Industrie 4.0Industrie 4.0Industrie 4.0
Pand P Studio / shutterstock.com
Campus-Netzwerke gelten als der nächste Schritt in der Industrie 4.0 - ein eigenes Mobilfunknetz für Produktionsstandorte.
com! professional: Herr Saul, sogenannte Campus-Netze gelten als der nächste große Schritt bei der Vernetzung der Industrie. Wie definieren Sie Campus-Netze? Handelt es sich hier um ein reines 5G-Thema oder sind Campus-Netze auch mit LTE sinnvoll?
Alexander Saul: Das "Campus-Netz" beschreibt ein privates, nicht öffentliches Netz. Das für lokale Firmennetze vorgesehene Frequenzspektrum kann grundsätzlich technologieneutral genutzt werden, um
  • Alexander Saul: Leiter Geschäftskunden bei Vodafone
    Quelle:
    Vodafone
die wachsende Nachfrage nach vernetzten Industrie-4.0-Anwendungen zu bedienen. Im Vergleich zu LTE bietet der Mobilfunk der 5. Generation als Grundlage für ein Campus-Netz durch höhere Kapazitäten, geringere Latenzzeiten von wenigen Millisekunden und noch mehr Sicherheit bei der Datenübertragung gravierende Vorteile. Vor allem durch die Echtzeit-Kommunikation, die 5G ermöglicht, lässt sich die Vision einer voll vernetzten und weitestgehend autonom gesteuerten Industrie 4.0 tatsächlich realisieren.   

com! professional: Und wie genau funktionieren Campus-Netze? Stellen Sie als Netzbetreiber dafür eigene Mobilfunkstationen auf dem Gelände des Kunden auf - oder wird hierfür ein ohnehin bereits verfügbares Mobilfunknetz nur angepasst beziehungsweise einen Teil davon exklusiv reserviert?

Saul: Für den Netzaufbau kommen verschiedene Gestaltungsvarianten in Betracht. Möchte der Kunde ein vollständig isoliertes Netz mit eigener "Mobile Edge Cloud" für die Datenverarbeitung haben und alle Bestandteile des Netzes eigenverantwortlich managen? Will er ein teilisoliertes Netz betreiben, bei dem wir ihn als Netzbetreiber mit unserer Expertise bei Kernaufgaben unterstützen? Oder ist der Kunde mit einem hybriden Netz besser bedient, bei dem wir den Glasfaser-Backbone und unsere neuen dezentralen Hochleistungsrechenzentren für die Datenverarbeitung zur Verfügung stellen? Die Anforderungen in jedem Unternehmen sind also völlig unterschiedlich. 
com! professional: Was sind die Vorteile eines eigenen Mobilfunknetzes auf dem Unternehmensgelände? Und gibt es auch Nachteile?

Saul: Vollständig isolierte Campus-Netze bieten vor allem maximale Sicherheit für besonders sensible Unternehmensdaten, weil sie den geschlossenen Bereich des lokalen Mobilfunknetzwerkes nicht verlassen. Die Datenerhebung und -verarbeitung erfolgt über eine Mobile Edge Cloud vor Ort. Aufbau und Betrieb eines solchen Mobilfunknetzes sind herausfordernd, erfordern viel Know-how und bedeuten intensive Planungen. Das merken wir auch in den Gesprächen mit unseren Kunden. Das Interesse an eigenen Netzen ist zunächst groß, aber am Ende steht dann doch die Erkenntnis, sich lieber auf das Kerngeschäft zu konzentrieren und beim Aufbau und Betrieb auf die langjährige Expertise des bevorzugten Mobilfunkanbieters zurückzugreifen.
5G bietet übrigens eine besonders spannende Neuerung: Durch „Network Slicing“ können wir die Mobilfunknetzinfrastruktur in virtuelle Netzabschnitte unterteilen und ein virtuelles, eigenen Netz auf Basis unseres physischen Netzes zur Verfügung stellen. Diese Netzschichten nutzen stets die gleiche technische Infrastruktur, arbeiten aber unabhängig voneinander. Faktoren wie Kapazität, Latenzzeit, Verbindungsaufbau oder Geschwindigkeit können Netzbetreiber oder auch Kunden in jedem virtuellen Netzabschnitt bedarfsgerecht steuern, um beispielsweise Leistungsspitzen abzufedern.
2. Teil: „Standards für industrielle Vernetzung“

Standards für industrielle Vernetzung

com! professional: Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Standards für die industrielle Vernetzung auf Firmengeländen, wie WLAN oder Narrowband-IoT. Bislang funktionierten diese Lösungen doch ganz gut?

Saul: Unser Maschinennetz auf Basis von Narrowband-IoT ist ein Teilbereich von LTE. Es eignet sich insbesondere für Szenarien, in denen mit wenig Energieaufwand ein geringes Datenvolumen übertragen wird - das können beispielsweise präzise gesteuerte Straßenbeleuchtungen, dezentrale Luftqualitätsmessungen oder Lösungen für die Parkplatzsuche sein. 5G ist dagegen Grundlage für Echtzeitkommunikation, die schnelle Übertragung großer Datenmengen und Basis für Anwendungen im industriellen Umfeld oder in den Bereichen Augmented und Virtual Reality. Mobilfunk ist der bisherigen WLAN-Technik deutlich überlegen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Handover von einer Funkzelle in die nächste ist im Mobilfunknetz relativ einfach; bei WLAN-Verbindungen im Industrieumfeld ist der nahtlose Übergang technisch ziemlich herausfordernd.
 
com! professional: Darf eigentlich jedes Unternehmen ein eigenes 5G-Campus-Netz aufbauen? Was gibt es dabei zu beachten? Muss man sich hierfür eigene 5G-Frequenzen zuteilen lassen?
Saul: Die Bundesnetzagentur hat für Campus-Netze Frequenzen von 3,7 bis 3,8 GHz reserviert. Auf Antrag sollen den Interessenten nach heutigem Stand 100 MHz Bandbreite oder jeweils Blöcke daraus mit 10 MHz zugewiesen werden. Die Frequenzen sind ausschließlich für räumlich begrenzte und  öffentlich nicht zugängliche Kommunikationsdienste vorgesehen. Sie eignen sich vor allem für den Aufbau lokaler Funknetze auf größeren Betrieben und auf Werksgeländen, in Industrieparks und auf Messegelände. Der Frequenzinhaber entscheidet, welcher Technologie er den Vorzug gibt - er kann das Campus-Netz mit 4G oder 5G Technik ausstatten. Anspruchsberechtigt sind Unternehmen, die unter anderem über ihre Leistungsfähigkeit und Fachkunde Leistungsnachweise erbringen. Vorgesehen ist, die lokalen Frequenzen gegen Zahlung einer Gebühr und die Erstattung der im Rahmen des Anmeldeverfahrens anfallenden Kosten zu vergeben. Um welche Summen es geht und wie das Anmeldeverfahren im Detail aussieht, ist noch nicht bekannt. Wir sind selbst gespannt und hoffen, dass bis Jahresende endlich Klarheit herrscht.
com! professional: Wie groß schätzen Sie die Zielgruppe für Campus-Netze ein?

Saul: Ich denke, dass man den Bogen weiter spannen muss. Viel spannender ist der Blick auf die Chancen und Möglichkeiten. die 5G übergreifend bieten wird. Die neue Mobilfunkgeneration wird neue Geschäftsmodelle und Anwendungsszenarien entstehen lassen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Dazu gehören auch neue Geschäftsmodelle für Mobilfunknetzbetreiber - Campus-Netze sind eines davon.

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